Fokus Bahn NRW im Gespräch mit Ina Besche-Krastl, DIE GRÜNEN

Das Bild zeigt Ina Besche-Krastl von der Partei DIE GRÜNEN in NRW an einem Bahnsteig.

Programm

16. April 2024

„Die Mobilitätswende aufzugeben, ist nicht der richtige Weg.“

Ob Stau auf der Autobahn oder ungewisse Wartezeiten am Bahnsteig: „Als Pendlerin habe ich aktuell die Wahl zwischen Not und Elend“, beschreibt Ina Besche-Krastl ihre alltägliche Mobilitätserfahrung. Die Sprecherin für Schienenverkehr der GRÜNEN in NRW hält gerade deshalb an den Zielen der Mobilitätswende fest.


Ina Besche-Krastl ist Sprecherin für Schienenverkehr der GRÜNEN-Fraktion im Landtag NRW und Fraktionsvertreterin für den Kreis Mettmann in der Verbandsversammlung des Zweckverbandes VRR. Im Interview mit Fokus Bahn NRW macht sie sich für verbindliche Planungen, zügige Baumaßnahmen, gesicherte Finanzierungen und eine verlässliche Fahrgastinformation im SPNV Nordrhein-Westfalens stark.


Im NRW-Zukunftsvertrag haben CDU und GRÜNE vereinbart, den Nahverkehr auf Schiene und Straße zum Rückgrat einer nachhaltigen Mobilität zu machen. Ziel ist ein Angebotszuwachs im ÖPNV um mindestens 60 Prozent bis 2030. Halten Sie dieses Ziel heute noch für realistisch?


Ina Besche-Krastl: Klimafreundliche, nachhaltige Mobilität lässt sich nicht mit der Brechstange erreichen. Ich sehe die enormen Herausforderungen im öffentlichen Verkehr, bedingt durch den Zustand der Infrastruktur und den Fachkräftemangel. Diese sind heute noch einmal sehr viel größer, als wir das bei Abschluss des Koalitionsvertrags im Juni 2022 erwarten konnten. Aber gerade deshalb gibt es für mich keine Alternative zu den gesetzten Zielen der Mobilitätswende. Diese jetzt aufzugeben, ist nicht der richtige Weg. Vielmehr müssen wir die Herausforderungen angehen – und zwar im Sinne der Menschen, die entspannte und verlässliche Wege zu ihren Zielen brauchen. Ich nehme hier ganz die Perspektive der Berufspendlerin ein. Da habe ich aktuell die Wahl zwischen Not und Elend. Fahre ich mit dem Auto, stehe ich im Stau. Nehme ich die Bahn, muss ich auf diese warten. Beides frustriert.


 

Das Bild zeigt Ina Besche-Krastl von der Partei DIE GRÜNEN in NRW an einem Bahnsteig. Quote

Bei Infrastruktur- und Betriebsstörungen im SPNV helfen verlässliche Informationen den Fahrgästen weiter und lindern ein Stück weit die Frustration.

Ina Besche-Krastl

Sprecherin für Schienenverkehr der GRÜNEN-Fraktion im Landtag NRW


Frustriert sind im SPNV nicht nur die Fahrgäste. Der Zustand der Infrastruktur und der Personalmangel belasten auch die Mitarbeitenden. Wie beurteilen Sie die Lage?


Ina Besche-Krastl: Die Lage ist sehr ernst. Die gesamte Schieneninfrastruktur ist mehr als veraltet; auf der Strecke der S 6 gibt es beispielsweise noch ein Stellwerk aus Zeiten des ersten Weltkriegs. In den Erhalt und die Modernisierung des Netzes wurde jahrzehntelang nicht ausreichend investiert. Das muss jetzt in einem Hauruckverfahren aufgeholt werden. Gleichzeitig werden viele Strecken über die Belastungsgrenzen hinaus befahren. Dass solche Rahmenbedingungen nicht akzeptabel sind, zeigt auch die Belastungsstudie von Fokus Bahn NRW. Lokführer/innen brauchen funktionierende Schienenwege, so wie ein Handwerker gutes Werkzeug braucht. Sonst können sie ihre Arbeit nicht so gut machen, wie sie das selbst gerne wollen und ihre Fahrgäste das erwarten. Wenn die Infrastruktur funktioniert, werden die Berufe in der Bahnbranche sicher noch einmal deutlich attraktiver.


Inzwischen haben einige Nahverkehrsbahnen in NRW ihren Fahrplan reduziert, um so den Betrieb zu stabilisieren. Wie passt das zum avisierten Angebotsausbau?


Ina Besche-Krastl: Wenn wir über einen langfristigen Ausbau sprechen und dann die Angebote im SPNV reduziert werden müssen, fühlt sich das natürlich erst einmal als Rückschritt an. Aber was ist mir als Fahrgast wichtiger? Ein Fahrplan, auf den ich mich verlassen kann? Oder ein 15-Minuten-Takt, bei dem gefühlt jede zweite Bahn ausfällt? Ich will meine Fahrten gut planen können. Da ist mir eine Bahnlinie, die zuverlässig alle 30 Minuten verkehrt, doch sehr viel lieber. Insofern sind Angebotskürzungen zur kurzfristigen Stabilisierung des Betriebs in der aktuellen Situation ein sinnvolles Instrument. Das darf freilich nicht zum Dauerzustand werden wie derzeit beispielsweise auf der S 68. Langfristig brauchen wir mehr und besser verfügbare Mobilitätsangebote auf der Schiene. Dafür aber brauchen wir eine moderne Infrastruktur, eine bundes- und landesseitig langfristig gesicherte Finanzierung und ausreichend Personal.


Jährlich mehr als 1.000 Baustellen im NRW-Schienennetz kommen dem Erhalt und der Sanierung der bestehenden Infrastruktur kaum nach. Was muss passieren, damit die Mobilitätswende Fortschritte macht?


Ina Besche-Krastl: Es ist jetzt wichtig, das Schienennetz ohne Wenn und Aber auf den neusten Stand zu bringen. Dafür müssen alle Verantwortlichen mehr investieren als bislang, aber auch pragmatischer werden und Handlungsspielräume schaffen, gerade wenn Baustellen einmal nicht so laufen wie geplant. Betroffene Fahrgäste können akzeptieren, wenn Baumaßnahmen verlängert werden, aber nicht, wenn sie jedes Jahr auf derselben Strecke wochenlange Sperrungen und Ersatzverkehre ertragen müssen – wie jüngst zum Beispiel auf den Linien zwischen Wuppertal und Düsseldorf. Einmal bildlich gesprochen: Hauseigentümer lassen auf ein marodes Dach nicht erst die neuen Ziegel legen und erneuern dann ein Jahr später Sparren und Dämmung. Vielmehr werden alle notwendigen Arbeiten in einem Bauvorgang gemacht. Das bedeutet für den SPNV: Fahrgäste brauchen die gesicherte Perspektive, dass ihre Linie nach Abschluss der Baumaßnahmen wieder zuverlässig zur Verfügung steht und eben nicht nach wenigen Monaten erneut ausfällt. Ich bin hier sehr gespannt auf das Konzept von InfraGo, Hochleistungskorridore über fünf Monate komplett zu sperren und alle notwendigen Arbeiten gebündelt durchzuführen. Gemeinsam mit der InfraGo muss es gelingen, möglichst viele Maßnahmen aus dem Programm „Robustes Netz“ umzusetzen, um dem Versprechen der Baufreiheit gerecht zu werden.


Nun werden die Baumaßnahmen im NRW-Schienennetz allerdings noch mindestens zehn Jahre dauern ...


Ina Besche-Krastl: Das ist richtig und in dieser Zeit gilt es, die Auswirkungen der Baumaßnahmen auf die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten: durch verbindliche Planungen, eine zügige Umsetzung, gesicherte Finanzierungen und – das ist mir sehr wichtig – eine verlässliche Fahrgastinformation. Dafür hat Fokus Bahn NRW im Projekt „Fokus Fahrgast“ bereits wichtige Grundlagenarbeit geleistet. Hier müssen nun alle Verantwortlichen endlich ihre Hausaufgaben machen, dass alle Schnittstellen funktionieren und unternehmensübergreifend dieselben Informationen für die Fahrgäste verfügbar sind. Baumaßnahmen sind notwendig, Infrastruktur- und Betriebsstörungen lassen sich nicht verhindern, aber verlässliche Informationen zu Reisealternativen helfen den Fahrgästen weiter und lindern ein Stück weit die Frustration. Fahrgäste wollen einfach eine klare Ansage, was fährt wann.


Im NRW-Nahverkehr gibt es das Deutschlandticket als Flatrate für Abonnent/innen und den eTarif eezy.nrw für Gelegenheitskund/innen. Wie sehen Sie auf Basis dieser Tarifanker die Chancen, den ÖPNV attraktiver zu machen?


Ina Besche-Krastl: Das Deutschlandticket hat den Tarifdschungel von einst gelichtet – und der konnte selbst für geübte Bus- und Bahnfahrer/innen bei Fahrten in unbekannten Regionen eine Herausforderung sein. Der eTarif eezy.nrw bietet die dazu passende Alternative für Gelegenheitskund/innen in Nordrhein-Westfalen, leidet aber nach wie vor unter dem Zeitpunkt der Einführung in der Corona-Pandemie und muss als Angebot noch bekannter werden. Beide Tarifanker machen den ÖPNV einfach und günstig. Einsteigen und losfahren ist das, was Fahrgäste wollen. Ich bin froh, dass es jetzt auch das Deutschlandticket als Semesterticket für Studierende gibt oder dass der NRW-Nahverkehr Upgrades für die Fahrradmitnahme bietet. Einige Städte arbeiten an weiteren Benefits, etwa Mitnahmemöglichkeiten für Kinder. Wichtiger als Tickets für jede denkbare Zielgruppe sind aus meiner Sicht aber einfache Angebote. Hier ist das Deutschlandticket ganz klar ein Pull-Faktor, der den ÖPNV attraktiver macht.


Der ÖPNV fokussiert sich längst nicht mehr auf Bus und Bahn. Sollte das Modell der Mobilstationen weiter ausgerollt werden? 


Ina Besche-Krastl: Mit den Mobilstationen entwickelt der ÖPNV die einstige Idee der Park+Ride-Parkplätze weiter. Das ist zukunftsorientiert und wird aus meiner Sicht entscheidend werden. Denn Mobilstationen ermöglichen Mobilität über verschiedene Wege hinweg und bilden damit die Realität der unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse eines Menschen ab. Kaum jemand beschränkt sich auf ein einziges Verkehrsmittel. Wenn wir attraktive Verkehrsangebote an den Mobilstationen gebündelt anbieten, werden sie auch angenommen. In Großstädten wie in Düsseldorf können bereits immer mehr Menschen auf das eigene Auto verzichten.


Bahnunternehmen, die in Ausschreibungen hart gegeneinander kämpfen, arbeiten anschließend bei Fokus Bahn NRW im Sinne der Fahrgäste eng zusammen. Wie beurteilen Sie das Modell und wo sehen Sie die zentralen Herausforderungen?


Ina Besche-Krastl: Fokus Bahn NRW gilt bundesweit und zu Recht als Leuchtturmprojekt. Qualifizierungsangebote für Arbeitssuchende in Coronazeiten, Maßnahmen zur beruflichen Re-Integration von Frauen oder das Mentorenprogramm für Geflüchtete haben Strahlkraft. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass die Bahnbranche im Ernstfall zusammensteht und die Eisenbahnverkehrsunternehmen bei den anstehenden Herausforderungen nicht gegeneinander arbeiten. Denn Infrastrukturprobleme und der Fachkräftemangel treffen alle Unternehmen gleichermaßen. Diese Herausforderungen bleiben, da ist der Gipfel noch lange nicht erreicht. Doch die gemeinsame Arbeitgeberkampagne der Bahnen in NRW wirkt und ich bin zuversichtlich, dass die Maßnahmen von Fokus Bahn NRW weiterhin erfolgreich sind. Sie zeigen mir auch, dass die Verkehrswende Arbeitsplätze schafft und Jobmotor sein kann. Das finde ich super. 


Fokus Bahn NRW im Gespräch

In einer neuen Interviewreihe erörtert Fokus Bahn NRW mit politischen Expert/innen aktuelle Fragen zur Entwicklung der öffentlichen Mobilität. Ina Besche-Krastl ist die zweite Gesprächspartnerin. Sie folgt auf Christof Rasche, den verkehrspolitischen Sprecher der FDP-Landtagsfraktion.

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